Eine Insel im See
Heinz Körner

 

Irgendwann vor langen Jahren lebte ein kleines Mädchen mit seinen Eltern auf einer wunderschönen Insel in einem großen See. Die Pflanzen wuchsen wild und frei und quollen aus dem fruchtbaren Boden empor. Die meiste Zeit des Jahres schien die Sonne warm und hell. Das Mädchen war glücklich, so glücklich, wie nur jemand sein kann, der noch nichts vom Leid dieser Welt erfahren hat. Seine Eltern achteten voll liebender Zuneigung darauf, dass nichts das Lachen ihrer Tochter trüben konnte. So wuchs das Mädchen heran, genoss die Wärme der Sonne, den herrlichen Inselstrand und die farbenfrohen Pflanzen und Blüten, die in unermesslichem Reichtum auf der Erde gediehen.

Eines Tages legte ein fremder junger Mann mit seinem Boot an der Insel an. Das Boot war einfach und nicht mehr sehr neu. An manchen Stellen war die Farbe abgeblättert. Wind und Wellen hatten schon einige Löcher in das Holz gefressen. Trotzdem hielt es sich noch gut über Wasser und der junge Mann ruderte oft mit dem Mädchen ein wenig vor die kleine Insel. Zum ersten Mal sah sie den Ort ihrer Kindheit vom See aus. Wie ein glänzender Edelstein lag die Insel im tiefblauen Wasser. Nichts und niemand schien ihr etwas anhaben zu können. Auf einer dieser abendlichen Fahrten um die Insel - die Sonne tropfte rotglühend in den löschenden See - verliebten sich die beiden ineinander und beschlossen, gemeinsam weiterzuleben.

Die Eltern des Mädchens waren davon überhaupt nicht begeistert. Sie konnten nicht glauben, dass ihre Tochter eine Insel finden würde, die sich mit dieser hier vergleichen lassen könnte. Aber der junge Mann und das Mädchen waren fest entschlossen, und so fanden sich die Eltern schließlich damit ab. Um nun ihr Kind möglichst gut für das neue Leben auszurüsten, packten sie alle Dinge zusammen, die ihrer Überzeugung nach wichtig für das Mädchen waren. Es wurde ein großes Paket, und die Eltern verschnürten es sorgfältig, sollte doch nichts davon verloren gehen. Als das Paket im Boot des Mannes verstaut war, packte auch dieser seine wenigen Habseligkeiten, und die beiden konnten losfahren.

Der Abschied von den Eltern fiel dem Mädchen schwer. Sie hatte diese Insel geliebt. Hier hatte sie es immer gutgehabt. Lange Zeit saß sie schweigsam in dem kleinen Boot und blickte zurück. Erst als die Insel langsam im Wasser des Sees verschwand, drehte sie sich mit einem Ruck um, setzte sich neben den jungen Mann und half ihm rudern. Sie kamen gut voran.

Am Abend verschlechterte sich das Wetter. Bedrohliche schwere Wolken jagten sich am Horizont und die Kundschafter des nahenden Sturmes zauberten kleine Wellenkringel auf den ruhigen See. Rings um die beiden war nur noch Wasser. Sie sahen keine Insel, kein Land, wohin sie sich vor dem kommenden Unwetter hätten flüchten können. Der Wind nahm zu. Er peitschte die Wellen, zerfetzte die Kämme zu quirlendem Schaum, den er dann mit sich riss. Das kleine Boot begann schon bald gefährlich zu schwanken. "Wir sind zu schwer", rief der Mann, "wir müssen einiges ins Wasser werfen, damit wir nicht unter die Wellen gedrückt werden!" Und er begann, sein Gepäck aus dem kleinen Boot zu werfen. Das Mädchen nestelte an den dicken Knoten, mit denen die Eltern das große Paket verschnürt hatten. Aber sie konnte sie nicht lösen. Mit zu vielen Schlingen und Schnüren hatten die Eltern das Paket gesichert. Der Mann hatte inzwischen schon all sein Gepäck ins Wasser geworfen. Das Boot war nun leichter und konnte sich besser durch die hohen Wellen kämpfen. Aber der Wind ließ nicht nach. Immer öfter schlug er seine Wasserfaust ins Boot, um es in die Tiefe zu drücken.

"Du musst das Paket ins Wasser werfen!" Schon musste der Mann schreien, um das Tosen des Sturmes zu übertönen. Verzweifelt versuchte er, das Boot durch die Wellen zu rudern. Er wusste: mit dieser Last im Boot würden sie das Unwetter nicht überstehen. Wieder versuchte das Mädchen, die Knoten zu lösen. Aber Wasser und Wind hatten die Schnüre zusammengezogen und verhärtet. Sie konnte das Paket nicht öffnen. Gerne hätte sie einiges aus dem Paket genommen und in den aufgewühlten See geworfen. Aber das ganze Paket wollte sie nicht verlieren. Zu vieles darin war ihr wichtig und schien unersetzlich.

"Wirf es!" Der Mann ruderte mit letzter Kraft und keuchte vor Anstrengung. "Wirf alles raus oder wir werden untergehen!"

Das Mädchen mühte sich weiter, die Knoten zu lösen. Sie riss sich an der Verschnürung die Finger blutig und weinte vor Schmerz und Hilflosigkeit. Und noch während sie weinte, drückte eine große Welle das Boot endgültig in den See. Ängstlich klammerte sich das Mädchen an das Paket ihrer Eltern und versuchte, es über Wasser zu halten. Doch mit dieser Last konnte sie nicht schwimmen. Fast wäre sie mit dem Paket in die Tiefe gesunken, hätte ihr der Mann nicht gewaltsam die Arme gelöst.

Am nächsten Morgen wurden sie von den Wellen an den Strand einer Insel geworfen. Halb ertrunken und völlig erschöpft krochen sie im Sand hinter eine kleine Düne. Verzweifelt wühlte die junge Frau mit ihren Händen im klammen Sand: "Ich habe alles verloren! Alles! Nichts ist mir geblieben!" Sie schluchzte. "Wir hätten soviel brauchen können für unser neues Leben!" Der Mann saß neben ihr und starrte schweigend in den dunkelverhangenen Himmel, der sich den Sturm aus den Wolken geschüttelt hatte.

"Mir ist kalt", weinte die Frau verzweifelt, "ich friere. Nicht einmal ein Feuer können wir anzünden." Der Mann überlegte kurz. Dann stand er auf und ging in den nahegelegenen Wald. Schon nach kurzer Zeit kehrte er zurück und brachte feuchtes Holz mit. Er musste es lange aneinander reiben, bis es so trocken war, dass es anfing zu glühen. Endlich züngelten kleine Flammen und schon bald vertrieb das fröhlich prasselnde Feuer die letzten Reste des Unwetters, die noch immer über ihnen hingen.

In der Wärme der lodernden Flammen trockneten der Mann und die Frau ihre Kleider, rückten zueinander und hielten sich fest. Kurz bevor die Frau in die wohligen Arme eines tiefen Schlafes sank, blickte sie noch einmal in die Glut des Feuers. Und plötzlich begriff sie, dass sie mehr als nur ihr nacktes Leben gerettet hatte. Durch den Verlust all dessen, war ihr so nützlich und unentbehrlich erschienen war, hatte sie ein neues, ein eigenes Leben gewonnen. Während ihre Augen immer schwerer wurden, beschloss sie, am nächsten Morgen einen neuen Anfang zu machen und selbst ein Feuer zu entzünden, um der feuchten, kühlen Dämmerung ein wenig Wärme entgegenzusetzen.