Gesetz Nr. 1
Nur wer sich selbst achtet, wird vom Partner geachtet.

Alles aufzugeben, immer für den Partner da zu sein, ist kein guter Weg, um eine Beziehung lebendig zu halten. Liebe ist, auch für sich selbst da zu sein.

Es gibt Kaffeebecher, auf denen sind viele rote Herzchen zu sehen und mittendrin der Aufdruck: ‚Liebe ist, ganz für den anderen da zu sein.‘ Den stellen sich Paare gern auf den Frühstückstisch und glauben, dass es so ist.

Sie stecken eigene Interessen und Bedürfnisse zurück, um ja nicht die Harmonie zu gefährden. Der eine traut sich nicht mehr, spontane Verabredungen mit Freunden zu treffen, der andere streicht den Italienischkurs oder geht, obwohl ihn moderne Malerei interessiert, nicht mehr ins Museum, weil der Partner sich dort immer zu Tode langweilt. Menschen, die vorher viel unternommen hatten, verschwinden in der Zweisamkeit. Sie glauben, dort – und nur dort – liege das Glück. Und sitzen dabei einem gewaltigen Irrtum auf. Denn irgendwann merken sie, dass der Reiz, das Sich-angezogen-Fühlen mehr und mehr verschwinden. Langeweile und Routine ziehen ein, denn irgendwas fehlt in ihrer Liebe. In dem Bemühen, für den Partner immer verfügbar zu sein, alles miteinander und füreinander zu teilen, haben sie nämlich übersehen, dass das Zusammenleben auch von der Spannung lebt. Wenn ein Partner sich und seine Interessen aufgibt, lässt diese Spannung nach, denn er wird schlichtweg uninteressant.

Eine Beziehung ist wie ein Tor, das von zwei Säulen getragen wird. Stehen die Säulen zu dicht beisammen, ist es kein Tor mehr. Stehen sie zu weit auseinander, bricht der Torbogen irgendwann krachend zusammen. Auf den richtigen Abstand, die richtige Balance kommt es an.

Zugegeben: Im wirklichen Leben ist manches schwieriger als in der Theorie. Wie sehr ich meine Wünsche durchsetze oder wie oft ich mich denen des Partners anpasse, ist häufig ein Drahtseilakt. Das richtige Maß kann niemand allein festlegen, es muss in einem ständigen Dialog mit dem Partner ‚erarbeitet‘ werden.

Frauen sind in der Regel anfälliger für eine ‚partnerbezogene Selbstvernachlässigung‘, denn Einfühlsamkeit und Rücksichtnahme haben sie als Mädchen eher gelernt als die Jungs, und wenn sie nicht aufpassen, geraten sie und ihr Partner in einen Teufelskreis. Denn ganz im Geheimen erwartet ja jeder, dass der Partner sich genauso rücksichtsvoll und selbstlos verhält wie man selbst. Tut er es nicht, wird er mit Vorwürfen, vielleicht Liebesentzug bestraft, und irgendwann werden Sie – anstatt sich selbst zu ändern – es ihm sogar heimzahlen, dass Sie immerzu nach seiner Pfeife tanzten.

Eine gute Beziehung zu sich selbst, zu den eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu finden ist ein Reifungsprozess, der sowohl die Partnerschaft als auch das Selbstbewusstsein stärkt.

Der Spruch auf dem Kaffeebecher verrät also nur die halbe Wahrheit. Auf der anderen Becherseite müsste konsequenterweise stehen: ‚Liebe ist, auch für sich selbst da zu sein.‘ Denn es ist eine alte Weisheit: Wer sich selbst nicht liebt, kann auch niemand anderen wirklich lieben, geschweige denn sich lieben lassen.

Übungen

  1. Nehmen Sie sich eine Viertelstunde Zeit und stellen Sie eine Liste auf mit all den Interessen, Unternehmungen und Kontakten, die Sie eingeschränkt oder ganz aufgegeben haben, seit Sie mit Ihrem Partner zusammen sind. Notieren Sie auf einer zweiten Liste, was Sie gern wieder aktivieren möchten. Machen Sie möglichst konkrete Zeitangaben. Versuchen Sie, in den nächsten Wochen diese Wünsche in die Tat umzusetzen.
  2. Versuchen Sie täglich, sich zu entspannen – wie bei einer Meditation oder einem autogenen Training. Das ist die beste und einfachste Form der Selbstzuwendung, die außerdem hilft, die eigenen Gedanken und inneren Haltungen zu klären.
  3. Führen Sie Tagebuch. Das schärft Ihre Selbstwahrnehmung und trainiert Ihre Selbstreflexion.
  4. Nehmen Sie sich einmal pro Woche eine Stunde Zeit für einen Austausch mit Ihrem Partner. Das Thema sollte sein: „Was bewegt mich zur Zeit am meisten?“ Jeder von Ihnen hat eine halbe Stunde Zeit, darüber zu sprechen. Das dient der Selbstklärung und gleichzeitig der ‚Partnerzuwendung‘.

Und nun noch eine Anregung: Lernen Sie, die jeweiligen Formen der Selbstzuwendung Ihres Partners zu respektieren. Egal, ob er liest, angelt, Fußball spielt oder selbstvergessen vor sich hin sinniert – er tut es nicht, um Sie zu ärgern. Gönnen Sie ihm das Vergnügen; es wird sich für die Beziehung auszahlen.