Exzerpt aus:

„Die verlorene Geschichte der Frau“

100.000 Jahre unterschlagene Vergangenheit

von Hilde Schmölzer

exzerpiert von Katharina Höllebauer

Vorwort

Geschichte ist Männergeschichte. Weil „Mann“ über lange Zeiträume hinweg gleich „Mensch“ gesetzt wurde, ist auch die tradierte, durch Jahrtausende hindurch gefilterte Vergangenheit männlich definiert. Frauen bleiben ausgespart oder sind an den Rand gedrängt, zu Ausnahmefrauen stilisiert, denen nur dann und wann die Funktion einer Handlungsträgerin zugebilligt wird. Lediglich männliche Heldentaten, Eroberungen und Kriege verdienten es, aufgezeichnet zu werden.

Alles, was Frauen durch die Jahrtausende und Jahrhunderte hindurch für das Gesamtwohl geleistet haben, fiel weitgehend der Geschichtslosigkeit anheim. Diesem unhaltbaren Zustand macht dieses Buch ein Ende.

Vorgeschichte

Am Anfang war die Frau

Älteste Mythen bestätigen es ebenso wie archäologische Funde: am Beginn der Menschheitsgeschichte, als Bewusst-Sein sich langsam formte, stand die Frau. Sie war Inkarnation des Lebens, aber auch des Todes, sie versprach Tröstung und Wiedergeburt und wurde später auch zum Sinnbild der Fruchtbarkeit.

Der Mann ist kaum vorhanden in dem, was uns aus dieser frühesten Menschheitsgeschichte erhalten geblieben ist. Winzig klein, lediglich als Strichmännlein tummelt er sich zwischen mächtig und groß dargestellten Tieren an den Wänden der Kulthöhlen, aber es gibt kein männliches Idol und keinen männlichen Gott.

Damals war der Zusammenhang zwischen Zeugung und Geburt noch nicht verständlich und so war es die Frau, die neues Leben hervorbrachte, nur sie garantierte Leben und Überleben. Diese lebenserhaltende Funktion der Frau wurde bald als göttlich verehrt.

Die Frau als „Mutter der Zivilisation“

Im Altpaläolithikum, also etwa 800 000 bis 100 000 v. Chr., nährte sich der Mensch wohl ausschließlich von gesammelter Nahrung, er aß Früchte, Beeren, Knollen und Wurzeln, Nüsse, wilden Honig, aber auch Würmer, Schnecken, Vogeleier und Kleintiere. Für diese Zeit wird auch die Erzeugung und Zähmung des Feuers und die Herstellung erster, primitiver Werkzeuge angenommen. Der Soziologe und Sexualforscher Ernest Borneman vermutet, dass, analog zu den Rudeln wilder Tiere, die vorwiegend von einem weiblichen Leittier geführt wurden, auch die Führung der menschlichen Urhorde in der Hand von Frauen lag.

Im Mittelpaläolithikum, etwa 100 000 bis ca. 50 000 v. Chr., gab es dann bereits besser ausgeführte Werkzeuge, die Jagd und das Stellen von Fallen. Frauen und Kinder waren überwiegend weiter mit dem Sammeln von Nahrung beschäftigt, die Männer sorgten für den „Festtagsbraten“. Dies bedeutete aber nicht automatisch eine Vorherrschaft des Mannes. Ganz im Gegenteil: Frauen besorgten im allgemeinen zwei Drittel der Nahrung. Es ist also naheliegend anzunehmen, dass die Frau dieser Zeit nicht nur im Mittelpunkt des Kults stand, sondern auch als Hauptproduzentin der täglichen Nahrung gesellschaftlich eine dominierende Stellung einnahm.

Dafür spricht auch die Sippenordnung, die sich in der weiblichen Abstammungslinie bildete. Frühe Gesellschaftsformen waren nicht aus Familien, sondern aus Sippen aufgebaut.

Die Kernfamilie – wie sie uns heute geläufig ist, entstand erst relativ spät und ist eine Erfindung des Mannes zur Sicherung seiner Nachkommenschaft. Denn weil die Vaterschaft immer unsicher gewesen ist – der Mann wusste nie genau, welches Kind nun wirklich seines war – hatte auch nur er ein Interesse daran, sich auf diese Art und Weise abzusichern. Die Mutter hingegen wusste immer, welches Kind sie geboren hatte – sie war also an der „Familie“ im heutigen Sinn kaum interessiert. Es war der Mann, der zur Sicherung seiner Nachkommenschaft die Frau im späteren Patriarchat zum Eigentum erklärte, in das Haus einschloss und rigorosen sexuellen Einschränkungen unterwarf.

Es lebte die Sippenmutter mit einigen Generationen ihrer direkten Nachkommen zusammen, wobei die gefühlsmäßige Bande zwischen den Geschwistern beiderlei Geschlechtes sehr viel tiefer war als die Beziehung zum Geschlechtspartner oder zum Vater der Kinder (der außerhalb der Sippe lebte).

Diese Gemeinschaften lebten exogam, d.h. sexueller Kontakt war nur zwischen Angehörigen verschiedener Sippen, aber nie innerhalb der eigenen Gruppe erlaubt. In dieser Kultur fühlten sich weder Frau noch Mann an einen Partner gebunden. „Untreue“ gab es also nicht.

Die Sippengesellschaft, die sich um die älteste Mutter scharte, kannte keine Gewalt- und Machtverhältnisse und es bedurfte zur Herstellung von Frieden und Ordnung keiner Zwangsmittel. Alle Erwachsenen besaßen das gleiche Mitspracherecht, und im Gegensatz zum Patriarchat wurden die Güter auch nicht nach Leistung, sondern nach Bedürftigkeit verteilt.

Während in der Altsteinzeit die Mütter Zentrum und Machtfülle in der Sippe verkörperten, entstanden die eigentlichen „Frauenreiche“ in der Jungsteinzeit. Voraussetzungen dafür bildeten eine Reihe von wichtigen Erfindungen, die Frauen zu den „Müttern der Zivilisation“ machten:

Es ist naheliegend, dass aufgrund der Sammlertätigkeit von Früchten und Pflanzen der Ackerbau von Frauen erfunden wurde.

Zahlreiche archäologische Funde weisen außerdem darauf hin, dass auch die Erfindung von Werkzeugen wie Grabstock, Spaten, Schaufel, die steinerne Sichel und möglicherweise auch die Hacke Frauen zugeschrieben werden kann. Damit wird gleichzeitig die Ansicht widerlegt, dass Frauen keinen technischen Verstand hätten.

Ebenso wird angenommen, dass Frauen die Schöpferinnen der Töpferei gewesen sind. Die ersten Tontöpfe waren mit einer Lehmschicht überzogene Kochkörbe, die an der Sonne getrocknet wurden.

Noch vor den Tongefäßen haben Frauen ihre Koch- und Speisegeräte aus Stein, Knochen und Holz gefertigt.

Natürlich war die Frau auch für die Textiltechnik verantwortlich, sie fertigte die erste Fell- und Lederbekleidung an, später verarbeitete sie Pflanzenfasern mit verschiedenen Flecht-, Knüpf- und Webtechniken. Sie war die Erfinderin von Spinnrad und Webstuhl, worauf später die gesamte Textilindustrie aufbaute. Alte Mythen bestätigen sie als Schöpferin der Leinen- und Wollstoffe, der Seidenraupenzucht sowie der Seidenherstellung.

Frauen waren auch für den primitiven Hausbau zuständig. Die Eskimofrau baut bis heute ihr Sommerzelt aus Zweigen, Fellen und Moos, ebenso wie die Buschnegerfrau ihren Windschirm aus verschiedenen Pflanzen selbst herstellt. Schließlich haben jüngste Sprachforschungen, vor allem von Richard Festers, ergeben, dass auch die Sprache weiblichen Ursprungs ist, und zwar wahrscheinlich als Ergebnis des Austausches von Lalllauten zwischen Müttern und Kleinkindern.

Damals gab es auch keine geschlechtspezifische Arbeitsteilung: Auch Frauen waren geschickte Jägerinnen, gingen allein in ihren Kanus auf Fischfang und trugen schwere Lasten.

Diese Ackerbauvölker der Jungsteinzeit waren meist friedliebend. Fast alle Siedlungen der alten Welt, die von den Griechen eingenommen wurden, waren unbewaffnet. Das Desinteresse matrizentrischer Kulturen an kriegerischen Auseinandersetzungen ist auch naheliegend. Wie sollen Frauen, die einen großen Teil ihres Lebens damit beschäftigt sind, ihren Nachwuchs aufzuziehen, als Kriegstreiber fungieren.

Das bedeutet aber nicht, dass Frauen nicht kämpfen konnten. Wenn sie von patriarchalisch organisierten Völkern angegriffen wurden, wenn die Männer ausfielen oder der Nachwuchs zu verteidigen war, kämpften sie ebenso gut – manchmal sogar besser – wie der Mann.

„Frauenreiche“

Am besten und anschaulichsten wird uns Religion, Kultur und Gesellschaft eines dieser „Frauenreiche“ wohl am Beispiel Kretas deutlich. Im Unterschied zu Griechenland und Rom gab es in Kreta keine Sklavenwirtschaft. Die Frauen im alten Kreta waren nicht nur Priesterinnen, sie sind uns auch als Fischerinnen, Töpferinnen, Jägerinnen und Weberinnen, ja sogar als Wagenlenkerinnen überliefert. Die Männer sind Flötenbläser, Feldarbeiter, Pagen, Mundschenke und Matrosen. In all diesen Funktionen jedoch stehen sie im Dienst der Großen Göttin, repräsentiert durch die Oberpriesterin.

Während Kreta im Jahre 1400 v. Chr. von den Achäern und 1200 v. Chr. von den Dorern erobert und das matrizentrische Gesellschaftsgefüge langsam aufgelöst wurde, konnte die Ägypterin ihre geachtete Stellung relativ lange halten. Noch Herodot empörte sich über die „verkehrte“ Welt in Ägypten, wo die Frauen die öffentlichen Berufe ausüben würden, während die Männer „weibliche“ Tätigkeiten im Haus verrichteten.

Ägyptische Wandmalereien zeigen Bäuerinnen und Händlerinnen, Bierbrauerinnen und Bäckerinnen. Auch dass die Frauen ganz ungeniert an Festgelagen teilnahmen, Wein tranken und sich amüsierten, ist ägyptischen Darstellungen zu entnehmen. Vor allem aber war die Ägypterin Herrin des Hauses, zu dem in den agrarischen Kulturen der gesamte landwirtschaftliche Betrieb gehörte. Die starke wirtschaftliche Stellung der Ehefrau zeigt sich auch in den zahlreichen überlieferten Ehekontrakten, in denen der Ehemann oft sein ganzes Vermögen an die Ehefrau überschreibt. Einzige Bedingung; Sie muss zeitlebens für seinen Unterhalt aufkommen und nach seinem Tod die Begräbniskosten bezahlen. Die Frau blieb in der Ehe aber auch noch anderweitig der führende Partner: „Ich beuge mich vor Deinen Rechten als Frau“, heißt es hier in einem der 300 – 400 überlieferten Ehekontrakte, „vom heutigen Tag an werde ich mich nie mit einem Wort Deinen Ansprüchen widersetzen. Ich erkenne Dich vor allem als meine Gattin an, habe aber selbst nicht das Recht zu sagen, Du hast meine Gattin zu sein. Nur ich bin Dein Mann und Gatte. Du allein hast das Recht, zu gehen. Vom heutigen Tag an, da ich Dein Gatte bin, kann ich mich Deinem Wunsch nicht widersetzen, wo immer es Dir hinzugehen belieben mag.“

Frauen hatten also nach alter matrizentrischer Tradition jede sexuelle Freiheit, sie besaßen das Scheidungsrecht, übernahmen dabei allerdings auch die soziale Verantwortung. „Wenn ich Dich als meinen Gatten verlasse, weil ich Dich zu hassen beginne oder weil ich einen anderen Mann liebe, werde ich Dir 2 ½ Maß Silber geben und Dir die 2 ½ Maß Silber zurückgeben, die Du mir als Brautpreis gabst.“

Die ägyptischen Männer waren offenbar sehr häusliche – ihr Aufenthalt im Kreise der Familie war ihnen oft wichtiger als öffentliche Ämter. Sie waren kinderlieb, Pflege und Erziehung neugeborener Prinzen und Prinzessinnen zum Beispiel war ausschließlich ein männliches Ehrenamt bei Hof.

Eine ausgewogene Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern herrschte in Sumer. Für beide Gatten galten die gleichen Gesetze für Ehebruch wie für Scheidung. Frauen konnten Verträge schließen, als Zeuginnen vor Gericht aussagen und Prozesse führen. Außerdem hatten sie das Recht, ihre Söhne wegen Ungehorsams zu verstoßen oder zu enterben.

Auch in der Erziehung war niemand benachteiligt. Ebenso wie in Ägypten lernten auch in Sumer Knaben und Mädchen gemeinsam in den Tempelschulen die Grundlagen der Grammatik, Arithmetik und Geometrie.

Eine annähernde Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern herrschte auch bei den Etruskern, jenem phantasievollem Volk in der heutigen Toskana, dessen Kunst und Kultur erst in jüngster Zeit einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Es muss ein heiteres, zufriedenes Volk gewesen sein, voll schöpferischer Phantasie, aber auch mit beachtlichem Realitätssinn ausgestattet, wie etwa ihre hochentwickelten Be- und Entwässerungsanlagen und ihre ausgedehnten Handelsinteressen zeigen. An Aggression fehlte es ihnen weitgehend, ihre riesigen Eisenvorkommen erschlossen sie nicht, um Waffen daraus zu schmieden, sondern sie verarbeiteten sie zu kunstvollen Gefäßen und Geräten, die dann auch in weit entfernte Länder exportiert wurden.

Ihre Frauen waren geschätzt als Seherinnen, sie besaßen im Unterschied zu den Römerinnen einen eigenen Namen. Sie nahmen an der Seite ihrer Gatten an Festgelagen teil, waren Zuschauerinnen bei Boxveranstaltungen, akrobatischen Vorführungen und Wagenrennen. Der griechische Historiker Theopompos (4. Jhdt. v. Chr.) verurteilte die „Schamlosigkeit“ der Etruskerin, die zu völliger Zucht- und Zügellosigkeit führe.

Aber nicht nur die frauenfreundlichen, liebenswürdigen Etrusker, auch die zum Teil noch mutterrechtlich organisierten Kelten gaben Griechen wie Römern einige Rätsel auf. Obwohl die keltische Kultur und Gesellschaft bereits starke patriarchalische Züge aufweist, war die keltische Frau dem Mann doch in vielem gleichgestellt. In Irland z.B. nahm sie an Ratsversammlungen und Landesfesten teil, hatte auch große sexuelle Freiheiten und das prinzipielle Recht, sich ihren Gatten selbst zu wählen.

Der Frau standen auch wichtige öffentliche Funktionen zu. Sie war nicht nur Magierin, Seherin und wahrscheinlich Druidin, also Priesterin, sondern sie wurde auch mit den wichtigen Aufgaben der Erziehung der Kinder sowie der heranwachsenden Jugend betraut. Möglichweise wurden sogar männliche Jugendliche von einer Kaste kriegerischer Frauen, einer Mischung aus Zauberinnen und Amazonen, in die Kunst des Waffengebrauchs eingeweiht. Diese Annahme deckt sich mit dem Bericht klassischer Autoren von kriegerischen Gallierfrauen, die zusammen mit den Männern kämpften.